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Reportage im russischen Magazin, März 2001
Rima Kasakova (bekannte russische Schriftstellerin und Dichterin): Offenbarung einer Mutter
von Helena Bernasconi

Über Drogensucht habe ich früher nichts gewusst, bis das Unglück über uns Haus gekommen ist. Jetzt weiß ich ganz sicher: Es ist eine Krankheit. Und weil es eine Krankheit ist, muss man den Kranken helfen. Es währe ungerecht sie aus dem Leben auszuschließen. Wir, die gesunden können uns das kaum vorstellen, können drogenabhängige nicht verstehen, genauso wie wir AIDS-Kranke aus unserem Kreise verbannen. Aber die Menschheit hat kein Recht sie auszuschließen! 

Wie kommt es, dass ein junger gesunder Mensch in einen Kreislauf kommt, der sein Leben völlig verändert, ihn zum kranken Drogenabhängigen macht? 

Unsere Geschichte hat ca. sechs Jahre gedauert. Mein Sohn Igor ist heute 36, war damals ca. 30 Jahre alt - also schon erwachsen. Er hat bereits früher in der Armee irgendwelche Drogen ausprobiert, die "richtigen Drogen" hat er erst später kennen gelernt. Jetzt kann ich sicher sagen: Es fängt damit an, dass ein Mensch von sich sagt er wäre stark und könne in jedem Moment aufhören. Das stimmt nicht! Es kommt diese furchtbare Abhängigkeit und von der kann man sich selbst nicht mehr retten. 

Unser größtes Unglück bestand darin, dass mein Sohn die Drogen zusammen mit seiner Frau genommen hat. Drogensüchtige Paare sind die schwierigsten Patienten. Entweder werden beide zusammen geheilt - oder sie streben ihren gemeinsamen Tod zusammen entgegen. Angehörige müssen nicht für einen, sondern zugleich für beide kämpfen. Wir haben den Kampf nicht zusammen gewonnen und die Frau meines Sohnes ist letztendlich umgekommen. 

Ganz am Anfang habe ich nichts verstanden. Ich habe nur gemerkt, dass mein Sohn blass aussieht, dünn geworden ist, seine Hände zittern und er alles in allem krank wirkt. Ich habe vermutet er trinkt zuviel und hat einfach nur einen "Kater". Aber mit jedem Tag habe ich besser verstanden, dass etwas Furchtbares passiert ist, dass die Veränderungen an ihm schon gravierend sind. Das wesentlichste war für mich, dass der Mensch der früher lebensfroh und lustig war, plötzlich gleichgültig geworden ist. Auf mein Drängen und Fragen hat er mir geantwortet: Du verstehst mich nicht, ich habe meine wahre Welt gefunden und die ist sehr wichtig für mich! Ich konnte und wollte das nicht verstehen. Ich habe versucht nicht zu schreien, versucht ihm keine "Szenen zu machen". Wie habe ich reagiert? Ich habe nicht richtig reagiert! 

Am Anfang war ich eine enttäuschte Mutter und hätte meinen Sohn "umbringen" können. Ich habe nicht registriert das es Situationen gab in denen mein Sohn mich hätte umbringen können. Es gab eine Situation als mein Sohn und seine Frau zu mir kamen und mich aufforderten ihnen Geld zu geben, um ihre Dosis zu kaufen. Ich habe ihnen das Geld nicht gegeben. Neben mir auf den Tisch lag ein Messer. Ich habe verstanden, dass es in diesem Moment möglich gewesen wäre. Wahrscheinlich hätten die beiden es danach bereut und geweint, aber ich bin mir sicher, es hätte passieren können. Ich habe mich falsch verhalten, habe schwere Gegenstände durch die Wohnung geschmissen, habe geschrieen, hatte einen Nervenzusammenbruch.